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Gründe für autofreies/autoarmes Wohnen

Unsere Wohnform und der Wohnort beeinflusst unser Mobilitätsverhalten wie kaum ein anderer Faktor. Unsere vier Wände sind für jeden Weg Start und Ziel zugleich.

Die Idee der autofreien oder autoarmen Wohnsiedlungen kam in den 1990er-Jahren ins öffentliche Interesse. Sie sind ein konsequentes Konzept zur Reduktion von Autoverkehr und zur Steigerung der Lebensqualität in den Quartieren.

Immer mehr Bauträger anerkennen, dass der Ressourcen- und Energiebedarf bei Neubauten drastisch gesenkt werden muss. Nur so kommen wir den Zielen einer 2000-Watt-Gesellschaft beachtliche Schritte näher. Die Mobilität spielt für den Ressourcen- und Energieverbrauch eine wichtige Rolle: Sie macht über einen Drittel des Gesamtenergieverbrauchs aus.

Bei Bewohnerbefragungen in bestehenden – autoreduzierten – Siedlungen tritt darüber hinaus insbesondere der soziale Nutzen in den Vordergrund. Gemeinschaftlich genutzte Räume oder Einrichtungen verbessern die nachbarschaftlichen Beziehungen für alle Altersgruppen. Erfahrungen aus autofreien Siedlungen (vor allem in Deutschland) zeigen, dass die Kooperation zwischen der Gemeinde und der Projektinitiative, zwischen Experten und engagierten Laien in vielen Fällen eine alternative Planungskultur wachsen liess. Dies wird als besonderes Qualitätsmerkmal geschätzt.

Der Erfolg oder Misserfolg für ein autoreduziertes Wohnprojekt ist nicht nur auf Mobilitätsaspekte zu reduzieren. Vielmehr hängt dieser von einem attraktiven Gesamtpaket ab. Die Plattform autofrei/autoarm Wohnen präsentiert verschiedene autofreie/autoarme Siedlungen im In- und Ausland, mit lehrreichen Aussagen zu Erfolgsfaktoren und Stolpersteinen: Beispiele

Wohnen ohne eigenes Auto korreliert in der Regel mit einer innovativen Siedlungskonzeption. Zielgruppen sind primär autofreie Haushalte – wie in den Städten die wachsende Gruppe der gut gebildeten und verdienenden jungen Urbanen (siehe CAS/Interface-Studie "Der autofreie Lebensstil").

Die gesetzlichen Vorgaben für Neubauten und Ersatzneubauten sind in vielen Kantonen und Gemeinden überholt. In den durch den öffentlichen Verkehr sehr gut erschlossenen Gebieten in der Schweiz leben viele Bewohnerinnen und Bewohner ohne eigenes Auto. In Bern und Basel sind es über die Hälfte, in St. Gallen und Winterthur ein Drittel (Details). In den Städten wird es in Zukunft ein erhebliches Überangebot an privaten Parkplätzen geben, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Planung und den Bau von neuen Wohnsiedlungen nicht entsprechend angepasst werden.

In einer Siedlung mit tiefem Autobestand reduzieren sich entsprechend die Umweltbelastungen wie CO2 –Emissionen, Verkehrslärm und die Luftqualität wird verbessert. Nachbarschaftliche Gespräche sind möglich ohne Verkehrsrauschen. BewohnerInnen müssen nicht wegfahren, um frische Luft zu atmen.

Vor allem für Kinder und ältere Menschen ist die Reduktion der Gefahren durch fahrende Motorfahrzeuge ein zentrales Argument. Für viele Familien ist es wichtig, dass ihre Kinder Platz zum Spielen haben und damit ist nicht der Platz vor dem PC gemeint. Wenn Kinder sich in der Gemeinschaft mit anderen Gleichaltrigen draussen in Spiel- und Erfahrungsräumen verständigen und aufhalten können, ist eine wichtige Voraussetzung für eine kindgerechte Entwicklung gegeben.

Durch die wegfallende Parkplatzpflicht reduziert sich die Strasseninfrastruktur, was zu einem Flächengewinn für Frei-, Grün-, Spiel- und Begegnungsräume führt. Verdichtung ist ein Wort der Stunde und gerade vor diesem Hintergrund ist der autofreie Wohnbau interessant. Es wird eine Verdichtung möglich, ohne dass dabei die Wohnqualität reduziert wird. Anstelle von Garagen oder Parkplätzen können gemeinschaftlich genutzte Räume in der ganzen Siedlung – und darüber hinaus – zur Verfügung gestellt werden. Beispielsweise auch Räume für kreative Tätigkeiten oder Arbeitsplätze für Home-Office.

Da nur eine reduzierte Anzahl an Parkplätzen errichtet werden müssen, können Kosten eingespart werden. Pro Tiefgaragenplatz werden rund CHF 30‘000-40‘000 Investitionskosten gerechnet. Diese markante Einsparung kann beispielsweise in ökologische Baustandards oder Mobilitätsdienstleistungen, wie die gemeinsame Anschaffung eines Lastenvelos oder einen siedlungseigenen Mobility-Standort, investiert werden. Oder den  Bewohnerinnen und Bewohnern kann das eingesparte Geld in Form von günstigen Mieten weitergegeben werden.

Die «Plattform autofrei / autoarm Wohnen» bezweckt die Erhöhung der Vielfalt. Sie will niemanden einschränken. Primär geht es darum, dass die vielen Menschen, welche schon heute ohne eigenes Auto leben, eine für sie adäquate Wohnumgebung finden. Lange Jahrzehnte war dies kein Problem. Die Bausubstanz hinkt den aktuellen Entwicklungen immer um Jahrzehnte hinterher. Lange gab es in den Städten noch Siedlungen ohne ein grosses Parkplatzangebot, einfach weil früher der Bedarf viel geringer war. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Automobil auf breiter Basis durchzusetzen begonnen. An den meisten Orten wurden kantonale und kommunale Reglemente erstellt, welche die Parkplatzerstellungspflicht vorsahen. Nachdem vor einigen Jahrzehnten ein markantes Unterangebot an privaten Parkplätzen vorhanden war, droht die Situation nun ins andere Extrem zu kippen. Mit den heute realisierten Neu- oder Ersatzneubauten – erstellt nach den alten bestehenden Parkplatzerstellungsreglementen – wird das frühere Unterangebot überkompensiert. Die Hälfte aller grossstädtischen Haushalte lebt heute ohne eigenes Auto. Es ist also absehbar, dass ein Überangebot an privaten Parkplätzen produziert wird, wenn weiter auf Jahrzehnte hinaus in der Grössenordnung 1 Parkplatz pro Wohnung erstellt wird – mit Mehrkosten für die Bauherren und Verwaltungen, die Mietenden und den entsprechenden Fehlanreizen für die individuelle Verkehrsmittelwahl.